Betritt man im Jahr 2026 ein modernes Analyselabor, stößt man auf ein faszinierendes Paradoxon. Auf einem Labortisch steht ein brandneues, KI-integriertes Liquid-Handling-System. Direkt gegenüber befindet sich ein Gaschromatograph-Massenspektrometer (GC-MS), das 2010 eine halbe Million Dollar kostete und immer noch mit Windows XP läuft. Das ist die Realität der IT in der Labortechnik. Ein einfaches Upgrade des Computers ist nicht möglich, da die proprietäre Steuerungssoftware des Geräts fest für ein Betriebssystem programmiert wurde, das Microsoft vor über zehn Jahren aufgegeben hat.
Als Laborleiter stehen wir genau an diesem Punkt. Die Unternehmens-IT erwartet, dass alles auf dem neuesten Stand ist, mit der Cloud verbunden ist und die aktuellsten Sicherheitsprotokolle verwendet. Wir hingegen wollen lediglich, dass die HPLC-Analyse ohne erzwungene Windows-Updates und Systemneustarts mitten in der Analyse abgeschlossen werden kann. Die Bewältigung dieses Problems erfordert eine spezielle Strategie, die sich deutlich von der allgemeinen Büro-IT unterscheidet. Wie in unserem übergeordneten Leitfaden „Laborgerätemanagement: Der operative Leitfaden 2026“ (lab-equipment-management-strategy) beschrieben, ist die Lebensdauer Ihrer Hardware oft länger als die der zugehörigen Software. Hier erfahren Sie, wie Sie den Betrieb und den Datenfluss aufrechterhalten, ohne Cyberangriffen Tür und Tor zu öffnen.
Das „schmutzige Netzwerk“: Warum Trennung zwingend notwendig ist

Das Gefährlichste, was Sie tun können, ist, einen Windows 7- oder XP-Gerätecontroller direkt an Ihr Hauptnetzwerk anzuschließen. Nach den Standards von 2026 sind diese Betriebssysteme für moderne automatisierte Botnetze quasi ein Schweizer Käse. Dennoch müssen wir Daten von ihnen extrahieren.
Die Lösung: Das Geräte-VLAN (Virtuelles Lokales Netzwerk)
Wir behandeln diese Geräte wie biologische Gefahrenstoffe – die Abgrenzung ist entscheidend. Sie müssen mit Ihrem Systemadministrator zusammenarbeiten, um eine separate Netzwerkebene einzurichten. Diese wird oft als „Dirty Network“ oder „Geräte-DMZ“ (Demilitarisierte Zone) bezeichnet.
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Keine ausgehende Internetverbindung: Der Gerätecontroller darf mit keinem öffentlichen Netzwerk kommunizieren.
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Nur zugelassene IP-Adressen: Er darf nur mit einem bestimmten LIMS-Server (Laborinformationsmanagementsystem) oder einem dedizierten Datenverarbeitungsserver kommunizieren.
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Port-Sperrung: Unbenutzte USB-Anschlüsse sollten physisch verklebt oder verriegelt werden, um unautorisierte USB-Sticks zu verhindern. Diese sind nach wie vor der häufigste Einfallstor für Malware in abgeschotteten Systemen.
Die IT-Abteilung darf einen Massenspezifikationsrechner niemals wie einen Personal-Laptop behandeln. Er benötigt weder E-Mail noch Slack. Er muss lediglich Telemetriedaten und Rohdaten senden – und sonst nichts.
Umgang mit dem „Zombie“-Betriebssystem: Windows XP und 7 im Jahr 2026

Wir kennen das alle. Der Anbieter sagt: „Kaufen Sie einfach das neue Gerät für 300.000 Dollar“, aber Ihr aktuelles Gerät funktioniert einwandfrei – bis auf den PC. Da wir das Betriebssystem nicht aktualisieren können, ohne die Treiberkompatibilität zu beeinträchtigen, müssen wir das bestehende Betriebssystem digital isolieren.
Virtualisierung vs. Physische Isolation
| Strategie | Vorteile | Nachteile | Ideal für |
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| P2V (Physisch zu Virtuell) | Läuft das bestehende Betriebssystem als virtuelle Maschine (VM) auf moderner Hardware. | Hohe Hardwarezuverlässigkeit; einfache Datensicherung; Wiederherstellung von Snapshots. | Geräte mit Standard-USB-/Ethernet-Anschlüssen. |
| Physische Isolation | Der ursprüngliche PC bleibt funktionsfähig. | Unverzichtbar für Geräte mit PCI/ISA-Schnittstellenkarten. | Hohes Risiko von Hardwareausfällen (Kondensatoren, Festplatten). |
| Tiefkühlmodus | Die Software setzt den Betriebssystemzustand bei jedem Neustart zurück. | Viren können nicht persistent sein; das System bleibt unverändert. | Daten müssen sofort auf einem Netzlaufwerk gespeichert werden, da sie sonst beim Neustart verloren gehen. |
Wenn Ihr Gerät über USB oder Ethernet angeschlossen ist, virtualisieren Sie es umgehend. Konvertieren Sie Ihren alten Windows-XP-Rechner in eine virtuelle Maschine (VM), die auf einem modernen, sicheren Windows-11/12-Hostsystem läuft. Der Host übernimmt die Sicherheit, die VM die Geräteverwaltung.
Die Schnittstellenlücke: Antike Häfen mit modernen Systemen verbinden
Im Jahr 2026 wird es schwierig sein, einen Computer mit nativem RS-232- oder GPIB-Anschluss zu finden. Dennoch kommunizieren wahrscheinlich noch immer die Hälfte der Präzisionswaagen und Magnetrührer in Ihrem Labor seriell. Der Markt ist mit günstigen USB-zu-Seriell-Adaptern überschwemmt, doch im Laborumfeld führen günstige Geräte zu Jitter und Datenverlust.
Die Verbindungshierarchie:
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Stufe 1 (Beste): Ethernet-zu-Seriell-Gateways. Geräte wie die von Moxa oder StarTech binden das serielle Gerät direkt ins LAN ein. Dadurch entfällt die Notwendigkeit eines PC-Treibers zur lokalen Signalverarbeitung.
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Stufe 2: Industrielle USB-Adapter. Achten Sie speziell auf Adapter mit FTDI-Chipsätzen. Vermeiden Sie Prolific-Klone, da diese bei längeren Datenaufzeichnungen häufig ausfallen.
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Stufe 3 (Vermeiden): PCI-Erweiterungskarten. Sie funktionieren zwar, binden Sie aber an Desktop-Tower-Gehäuse und verhindern so die Verwendung moderner NUCs oder Laptops als Controller.
Wichtiger Hinweis: Wenn Sie in Ihrem Labor 3D-Drucker oder CNC-Maschinen verwenden, betreiben Sie diese niemals direkt über USB mit einem PC für längere Druckaufträge. Windows Update startet Ihren Computer nach 30 Stunden eines 40-stündigen Druckvorgangs neu. Verwenden Sie eine SD-Karte oder einen dedizierten Druckserver (z. B. ein Raspberry Pi/Klipper-System), um die Anweisungen zwischenzuspeichern.
Datenhygiene: Das „Sneakernet“-Paradoxon
Wenn ein Gerät vollständig vom Netzwerk getrennt ist (physisch von allen Netzwerken getrennt), wie lassen sich die Daten sichern? Jahrelang lautete die Antwort: „Sneakernet“ – das Übertragen eines USB-Sticks vom Gerät zum Laptop. Im Jahr 2026 stellt dies ein enormes Sicherheitsrisiko dar. Ein infizierter Stick kann Sicherheitslücken ausnutzen, die eine Firewall normalerweise blockiert hätte.
Die moderne Alternative: Die Kiosk-Station
Anstatt den USB-Stick an den eigenen Laptop anzuschließen, installieren Sie einen eigenständigen Scan-Kiosk am Laboreingang (ähnlich wie bei Fotodruck-Kiosken).
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USB-Stick vom kontaminierten Gerät entnehmen.
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An den Kiosk (mit Linux/einem abgesicherten Betriebssystem) anschließen.
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Der Kiosk scannt die Dateien auf Malware und lädt unbedenkliche Dateien in die sichere Cloud hoch.
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USB-Stick löschen.
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USB-Stick wieder am Gerät anschließen.
Dadurch wird ein strikter Einweg-Datentransfer gewährleistet. Es verlängert den Arbeitsablauf um zwei Minuten, erspart aber wochenlange Ausfallzeiten bei der Wiederherstellung nach Ransomware-Angriffen.
Bei der IT von Laborinstrumenten geht es nicht um die neueste Technik, sondern um die Instandhaltung Ihrer ältesten und zuverlässigsten Geräte. Im Hinblick auf das Jahr 2026 ist der Druck, veraltete Geräte auszumustern, hoch. Ein gut gewartetes Spektrometer ist jedoch nur dann veraltet, wenn es nicht mehr kommunizieren kann. Durch die Trennung Ihrer Netzwerke, die Virtualisierung älterer Steuerungen und die Berücksichtigung physikalischer Gegebenheiten von Schnittstellen verlängern Sie die Nutzungsdauer Ihrer Investitionsgüter um Jahrzehnte. Lassen Sie nicht zu, dass ein 500-Dollar-Computer ein 500.000-Dollar-Instrument unbrauchbar macht.





